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Blog von Martin Keller ¡Vamos! 21.Jul.2006
Nach Abschluss der Matura (Abitur) überbrückte ich das Zwischenjahr mit Militärdienst und einer Wintersaison als Ski- und Snowboardlehrer im Wallis. Zudem schnupperte ich während einer zweimonatigen Backpacker-Reise quer durch México ein wenig zentralamerikanische Luft. Der Drang, Grenzen zu überschreiten, zeigt sich auch in meiner Studienwahl wieder. Seit Oktober 2004 studiere ich an der Universität Genf „Internationale Beziehungen“. Dieses interdisziplinäre Studium besteht aus Fächern in Volkswirtschaft, Geschichte, Rechts- und Politikwissenschaft. Das dritte und vierte Semester konnte ich im Rahmen des Erasmus-Programmes in Granada (Spanien) absolvieren. Das Auslandjahr ermöglichte mir nicht nur meine Spanischkenntnisse zu festigen, sondern auch Kontakte mit Studierenden aus aller Welt zu knüpfen. In Gesprächen mit Mitstudenten stellte ich oft fest, dass unserer Generation fast keine Grenzen mehr gesetzt sind. Dass dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit nicht für alle Gleichaltrigen gültig ist, davon kann ich mich in den nächsten drei Monaten gleich selbst überzeugen. Dann werde ich nämlich Einblicke erhalten in das Jugendarbeitsprogramm, welches die GTZ (Gesellschaft Technischer Zusammenarbeit) in Zusammenarbeit mit der Regierung von El Salvador entwickelt hat. Diese deutsche Organisation ist in El Salvador bereits seit Jahrzehnten aktiv. Sie berät die Regierungen und nichtstaatliche Institutionen in den Schwerpunkten „Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung“ und „Dezentralisierung und Gemeindeförderung“. Ersteres wird also Thema meiner Arbeit sein. Wie diese genau aussehen wird, werde ich nach der ersten Besprechung mit der GTZ-Verantwortlichen im nächsten Bericht mitteilen. Wie ich in den bisherigen Treffen mit translake festgestellt habe, nimmt der Slogan „Grenzen überwinden“ in der Firmenphilosophie eine zentrale Rolle ein. Während meines Aufenthaltes werde ich stets mit translake in Kontakt bleiben, wobei ich auf das breite Wissen in den Bereichen Arbeitsmarkt und Evaluierung zurückgreifen darf. An dieser Stelle möchte ich translake bereits für ihr Vertrauen danken! Nach meiner Ankunft in El Salvador werde ich regelmässig über meine Arbeit im Projekt berichten. Persönliche Erlebnisse möchte ich ebensowenig vorenthalten wie spannende Erfahrungen mit Land, Leuten und Kultur. Natürlich sollen die Berichte auch bildlich dokumentiert sein. Ich freue mich also, wenn Sie in den nächsten drei Monaten ab und zu einen Blick auf mein Blog werfen und so am Engagement von translake in Lateinamerika teilhaben. Das nächste Mal aus El Salvador
Reise nach Nicaragua das Land der Vulkane 14.Aug.2006
Einen ersten Zwischenstopp lege ich in León ein. Die einstige Kolonialstadt sieht sich noch heute als kulturelles und intellektuelles Zentrum des Landes, wobei sie seit über 500 Jahren in Granada einen ebenbürdigen Konkurrenten hat. Die „El Calvario“ in León: katholische Kirche mit neoklassischer Fassade Weiter führt meine Reiseroute über Managua nach Granada, einem beliebten Ziel der Backpackerszene. In dem Hostal treffe ich Reisende aus der ganzen Welt und geniesse das Ambiente der multikulturellen Begegnungsstätte: es werden fleissig Reisetipps gegeben, Email-Adressen ausgetauscht und bei Bier und gallo pinto (eine zentralamerikanische Spezalität aus Reis und Bohnen) über weltpolitische Themen diskutiert. Gesprochen wird in Spanisch, Englisch, Deutsch oder Französisch, ganz nach den Kenntnissen jedes Einzelnen.
A Während der einwöchigen Reise durfte ich bereits viel über die zentralamerikanische Geschichte, Kultur und Mentaliät erfahren. Jetzt freue ich mich auf die ersten Arbeitstage bei der GTZ und hoffe, aus einer anderen Perspektive weiterhin viele interessante Einblicke zu erhalten!
Vielseitige Projektarbeit 23.Aug.2006
Die GTZ hat verschiedene Projekte in der Jugendbeschäftigungsförderung lanciert, um den Jugendlichen den Eintritt in die Berufswelt zu erleichtern und damit die Grundlage für eine eigene Existenzsicherung zu schaffen.
Zusammen mit meiner Verantwortlichen, Frau Anja Nina Kramer, erstellte ich einen Arbeitsplan, an welchem ich mich während den nächsten knapp drei Monate orientieren kann. Die vergangenen zwei Wochen dienten der Einführung in das breite Themenfeld der Jugendförderung. Mittels Projektdokumentationen und Hintergrundinformationen über die aktuelle Situation der Jugendlichen einerseits, und Teilnahme an Sitzungen und Konferenzen andererseits, erhielt ich die nötigen Inputs, sodass ich nun mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann.
Meine bisherige Zeit bei der GTZ habe ich als sehr intensiv und lehrreich empfunden. Zum einen lerne ich viel Neues im Bereich der verschiedenen methodologischen Ansätze in der Projektplanung, Durchführung und Evaluierung, zum andern öffnet mir die Arbeit à place die Augen, wie gross der Spagat zwischen Theorie und Praxis in der Entwicklungszusammarbeit ist. Doch dazu mehr in meinem nächsten Bericht... Jugendcamp in Chalatenango 12.Sep.2006
Vor der Abreise wurde mir nahegelegt, warme Kleider mitzunehmen, da es im Nordenosten des Landes ziemlich kühl sein werde. Wenn die Salvadorianer/Innen von Kälte sprechen, denken sie an Temperaturen um 20 Grad. Trotzdem staunte ich nicht schlecht, als einige der 14-25 Jährigen mit Pullover und Mützen aus dem Bus stiegen, während ich in kurzen Hosen und Flip-Flops wartete.
Da Tags darauf selbtst die Leiter nicht aus aufstehen mochten, wurde kurzerhand die morgendliche Aerobicstunde und anschliessendes Bad im Fluss verschoben. In Workshops wurden den Jugendlichen vermittelt, was ein Jugendnetzwerk ist und welche Funktion es erfüllt. Jede Gemeinde präsentierte ihre Aktivitäten der vergangenen Jahren und informierten über Erfolge und Schwierigkeiten der einzelnen Projekte. Am Schluss erarbeitete jede Jugendgruppe einen Arbeitsplan mit Zielen, welche sie im laufenden Jahr noch erreichen möchten.
Das Lagerleben bot eine ideale Gelegenheit, mich mit Gleichaltrigen auszutauschen. So erzählte ich ihnen gerne vom Leben in Europa. Besonders interessierten sich die Jugendliche für Fussball, Musik, Schnee und die verschiedenen Sprachen. Ebenfalls versuchte ich immer wieder von Neuem zu erklären, dass Schweden (Suecia) und Schweiz (Suiza) zwei verschiedene Länder sind… In diesem Sinne schicke ich viele Grüsse nach Europa… Die zwei Gesichter El Salvadors 29.Sep.2006
Kurz nach 6 Uhr reisst mich mein Wecker aus dem Schlaf. Duschen, frühstücken und los geht’s. Der Wächter unseres Wohnviertels (ich teile eine WG mit drei Salvadorianerinnen) grüsst mich freundlich und ich wünsche ihm einen schönen Tag. Im Auto einer Arbeitskollegin der GTZ geht’s einmal quer durch die Stadt zum Büro. Vorbei an gut bewachten Häusern, ausgestattet mit modernen oder weniger modernen Sicherheitsanlagen. Die Ampel steht auf rot. Ein alter blinder Mann und seine Enkelin bitten um ein Almosen und bedanken sich mit einem ebenso fröhlichen wie traurigen Blick für die 25 cents.
In der GTZ-Geschäftsstelle angekommen, checke ich erstmals meine Mails und informiere mich kurz über News aus der Welt: in der Schweiz wurde eine Verschärfung des Asylgesetzes angenommen. Beim Lesen des Artikels geht mir das Schicksal jener 400 Salvadorianer durch den Kopf, welche heute auf illegale Weise in die USA zu gelangen versuchen. Morgen werden es wieder 400 sein…
Nachmittags bringt mich ein Chauffeur zu einer Besprechung ins Jugendsekretariat. In der Pause lockt der hauseigene Pool für eine Abkühlung. Die meisten der hier arbeitenden Jugendliche haben politisch aktive Eltern oder sind Kinder von Unternehmern. Ihre Zukunft ist gesichert. Ganz im Gegenteil zum 14 jährigen Hausmädchen einer Bekannten, welche ihre Grundausbildung abbrechen musste um für ein zusätzliches Einkommen der grossen Familie zu sorgen.
Das letzte Stück bis zu meiner Haustüre gehe ich zu Fuss. Im Supermarkt kaufe ich Milch und Pasta zu Schweizer Preisen und frage mich, wie sich eine vierköpfige Familie bei einem Mindestmonatslohn von 150 Dollar über Wasser halten kann… Erklärungsversuche dazu gibt’s ein anderes Mal…
Zweiwöchiger Aufenthalt in Honduras 20.Okt.2006 Zweck der Reise nach Honduras war, die dortigen Erfahrungen im Bereich der Jugendbeschäftigung zu sammeln und gleichzeitig einen möglichst vielseitigen Einblick in die Arbeitsweise der GTZ zu erhalten.
Als zusätzliche Leistung bietet die Arbeitsvermittlungsstelle Weiterbildungen in der Berufsorientierung an und fördert die Teilnehmenden bei der Ausarbeitung eines persönlichen Planes. Wie schwierig eine zukunftsorientierte Planung sein kann, zeigt das Beispiel der 20 Jährigen Martha. Die ledige zweifache Mutter hat die Primarstufe abgeschlossen und lebt zusammen mit ihren Eltern. Arbeitserfahrungen hat sie durch Gelegenheitsjobs in einer Verpackungsfabrik gesammelt. Bei den Lohnvorstellungen steht „según salario mínimo“, welcher bei rund 150 Dollar im Monat liegt. Damit jede und jeder die Stellenbörse findet, wirbt die Industrie- und Handelskammer mit der praktischen Adresse „atrás del depósito de Pepsi“, was soviel wie „gegenüber der Pepsifabrik“ heisst.
Am Wochenende vor meiner Rückkehr machte ich mich auf den Weg nach Utila, einer kleinen Insel nördlich von Honduras. Ihr Ruf als eines der weltweit besten Tauchziele zieht jährlich tausende von Tauchexperten wie Tauchtouristen an. Als Letzterer war ich auch sofort von der der dortigen Unterwasserwelt begeistert und hätte am liebsten noch weitere Begegnungen mit Trompetenfischen, Piratenfischen, Barracudas und Wasserschildkröten gemacht. Die herrlichen Sonnenuntergänge rundeten die perfekten Tage ab. Wären da nur nicht diese nervigen Stechmücken gewesen… Wer weiss, ob ich das nächste Mal im Bodensee auftauchen werde…
„Einmal USA einfach“ 1.Nov.2006 Tolles Flugwetter herrscht bei meiner Rückreise. Aus dem kleinen Fenster erkenne ich die Hügelzüge, Seen, und Städte Mexikos. Irgendwo dort unten sind tausende von Lateinamerikanern auf dem Weg in Richtung Norden. Die beiden freien Sitzplätze und das halbleere Flugzeug scheinen dabei gerade paradox. 400 Salvadorianer versuchen jeden Tag, ihr Leben in Arbeitslosigkeit, Gewalt und Armut ein für alle Mal zurückzulassen, in der Hoffnung, ein neues und besseres zu finden. Die meisten sind Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, welche sich aufgrund fehlender Perspektiven zu diesem Schritt entschliessen. Ein Freund von mir erklärte mir kürzlich, der Tag der Diplomübergabe der Universität werde zugleich ein Tag der Entscheidung bezüglich seiner Zukunft sein. Schlepperbanden bieten auf Plakaten und Werbungen öffentlich ihre Dienste an, einige sogar mit Erfolgsgarantie. Der Eintritt ins „gelobte Land“ beträgt zwischen 3'000 und 8'000 Dollar, wobei unter 15 Jährige mehr bezahlen, da sie zusätzlichen Betreuung benötigen. Dieses Summe wird hauptsächlich als Schmiergeld an den Grenzen und für den Transport in Busen und Kleinwagen verwendet. Man spricht von 1 Million Dollar, welche die Schlepper, sogenannte coyotes, pro Tag umsetzen. Doch der lange, teure und gefährliche Weg in die Hauptziele Florida, Texas oder Kalifornien entpuppt sich für viele zum Alptraum. Tagelang und ohne Nahrungsmittel müssen die Immigranten zusammengepfercht in einem Zimmer in der Wüste Mexikos ausharren bis sie die Grenze überschreiten können. Einmal auf amerikanischem Boden angekommen, beginnt für viele das lange Warten. Sie werden solange festgehalten, bis Familienangehörige die zweite Hälfte des Betrages überweisen. Dabei sind sie den coyotes wahllos ausgeliefert und in vielen Fällen kommt es zu sexuellen Übergriffen. Für die meisten der Immigranten steht jedoch eine anderes Problem im Vordergrund. Vor kurzem genehmigte das Repräsentantenhaus die geplanten Massnahmen der US-Regierung gegen illegale Einwanderer. Eine rund 1’200km lange Mauer und 6'000 Soldaten sollen die 3’400km lange amerikanisch-mexikanischen Grenze kontrollieren und den Menschenstrom aus dem Süden unterbinden. Ob der Mauerbau eine Lösung zur Eindämmung der Immigration darstellt, wird die Zukunft zeigen…
El Salvador vorbei und doch noch immer präsent… 20.Nov.2006 Voller Vorfreude reiste ich Ende Juli mit einem Rucksack nach El Salvador. Zurück kam ich mit einem zusätzlichen Koffer, denn zu schwer waren all die Erinnerungen: Woraus besteht das angesammelte Übergewicht? Etwa 4 Kilo sind Dokumente und Unterlagen aus meiner Projektzeit bei der GTZ. Mit dabei auch meine Abschlussarbeit, einen Produktekatalog, welcher die Erfahrungen der GTZ El Salvador und Honduras im Bereich der Jugendbeschäftigungsförderung enthält und für die GTZ und deren counterparts in anderen Ländern dienen soll.
An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meiner Projektverantwortlichen der GTZ, Frau Anja Kramer, für die tollen Stunden während und ausserhalb der Arbeitszeiten bedanken. Mein Koffer enthält ausserdem ca. 5 Kilo an Andenken und Souvenirs für meine Familie und Freunde. Fotos, Schmuck, lateinamerikanische Musik, bunte indigene Kleider, Rhumflaschen und Cigarren zeugen von den vielfältigen und spannenden Kulturen Zentralamerikas.
Ach ja, etwas konnte ich doch in El Salvador zurücklassen. Dadurch dass ich die meiste Zeit mit Einheimischen verbracht habe, sprach ich nonstop spanisch. Auf mein Deutsch-Spanisch-Taschenwörterbuch werde ich daher in Zukunft nicht mehr zurückgreifen müssen.
Es ist mir daher ein grosses Anliegen, mich beim asa-programm und beim translake-Team um Wolfgang Himmel und Silke Böttcher für die Unterstützung herzlich zu bedanken. Sie ermöglichten mir diese einmalige Erfahrung, von der ich noch lange zehren werde. In diesem Sinne ziehe ich dem „adiós“ bewusst das „hasta luego“ vor, denn es soll sich nicht um einen definitiven Abschied handeln, sondern vielmehr auf ein Wiedersehen abziehlen... Martin Keller
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