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Blog von Martin Keller

¡Vamos!

21.Jul.2006

Martin KellerAufgewachsen bin ich in Libingen, einem Dorf mit 360 Einwohnern im Toggenburg (Schweiz). Nebst Fussball und Wandern faszinierte mich schon seit jeher die Weltkarte auf meinem Schreibtisch. Diese weckte meine Neugierde für ferne Länder und fremde Kulturen. Doch die Distanzen schienen damals unerreichbar und die Grenzen unüberwindbar. So stieg ich morgens anstatt in ein Flugzeug in das Postauto, welches alle Kinder zur Schule brachte.

Nach Abschluss der Matura (Abitur) überbrückte ich das Zwischenjahr mit Militärdienst und einer Wintersaison als Ski- und Snowboardlehrer im Wallis. Zudem schnupperte ich während einer zweimonatigen Backpacker-Reise quer durch México ein wenig zentralamerikanische Luft.

Der Drang, Grenzen zu überschreiten, zeigt sich auch in meiner Studienwahl wieder. Seit Oktober 2004 studiere ich an der Universität Genf „Internationale Beziehungen“. Dieses interdisziplinäre Studium besteht aus Fächern in Volkswirtschaft, Geschichte, Rechts- und Politikwissenschaft. Das dritte und vierte Semester konnte ich im Rahmen des Erasmus-Programmes in Granada (Spanien) absolvieren. Das Auslandjahr ermöglichte mir nicht nur meine Spanischkenntnisse zu festigen, sondern auch Kontakte mit Studierenden aus aller Welt zu knüpfen. In Gesprächen mit Mitstudenten stellte ich oft fest, dass unserer Generation fast keine Grenzen mehr gesetzt sind.

Dass dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit nicht für alle Gleichaltrigen gültig ist, davon kann ich mich in den nächsten drei Monaten gleich selbst überzeugen. Dann werde ich nämlich Einblicke erhalten in das Jugendarbeitsprogramm, welches die GTZ (Gesellschaft Technischer Zusammenarbeit) in Zusammenarbeit mit der Regierung von El Salvador entwickelt hat. Diese deutsche Organisation ist in El Salvador bereits seit Jahrzehnten aktiv. Sie berät die Regierungen und nichtstaatliche Institutionen in den Schwerpunkten „Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung“ und „Dezentralisierung und Gemeindeförderung“. Ersteres wird also Thema meiner Arbeit sein. Wie diese genau aussehen wird, werde ich nach der ersten Besprechung mit der GTZ-Verantwortlichen im nächsten Bericht mitteilen.

Wie ich in den bisherigen Treffen mit translake festgestellt habe, nimmt der Slogan „Grenzen überwinden“ in der Firmenphilosophie eine zentrale Rolle ein. Während meines Aufenthaltes werde ich stets mit translake in Kontakt bleiben, wobei ich auf das breite Wissen in den Bereichen Arbeitsmarkt und Evaluierung zurückgreifen darf.

An dieser Stelle möchte ich translake bereits für ihr Vertrauen danken!

Nach meiner Ankunft in El Salvador werde ich regelmässig über meine Arbeit im Projekt berichten. Persönliche Erlebnisse möchte ich ebensowenig vorenthalten wie spannende Erfahrungen mit Land, Leuten und Kultur. Natürlich sollen die Berichte auch bildlich dokumentiert sein.

Ich freue mich also, wenn Sie in den nächsten drei Monaten ab und zu einen Blick auf mein Blog werfen und so am Engagement von translake in Lateinamerika teilhaben.

Das nächste Mal aus El Salvador

 

Reise nach Nicaragua – das Land der Vulkane

14.Aug.2006

Nach wenigen Tagen in San Salvador packe ich das Nötigste bereits wieder in einen kleinen Rucksack und mache mich auf den Weg in Richtung Süden mit Ziel: Lago de Nicaragua.

Einen ersten Zwischenstopp lege ich in León ein. Die einstige Kolonialstadt sieht sich noch heute als kulturelles und intellektuelles Zentrum des Landes, wobei sie seit über 500 Jahren in Granada einen ebenbürdigen Konkurrenten hat.  

Die „El Calvario“ in León: katholische Kirche mit neoklassischer Fassade

Weiter führt meine Reiseroute über Managua nach Granada, einem beliebten Ziel der Backpackerszene. In dem Hostal treffe ich Reisende aus der ganzen Welt und geniesse das Ambiente der multikulturellen Begegnungsstätte: es werden fleissig Reisetipps gegeben, Email-Adressen ausgetauscht und bei Bier und gallo pinto (eine zentralamerikanische Spezalität aus Reis und Bohnen) über weltpolitische Themen diskutiert. Gesprochen wird in Spanisch, Englisch, Deutsch oder Französisch, ganz nach den Kenntnissen jedes Einzelnen.

Vulkan Concepción der Insel OmetepeLange hält es mich aber nicht in der ältesten Stadt von Nicaragua, möchte ich doch die wenigen Tage nutzen und die Vulkaninsel Ometepe erforschen. Auf dem Weg dahin lerne ich zwei Amerikaner kennen. Ein Boot bringt uns während knapp zwei Stunden vom Festland zur Insel. Dort gelangen wir in einem ausgemusterten amerikanischen „School Bus“ zum Hostal. In der Hängematte und mit Blick auf den Nicaraguasee planen wir für den nächsten Tag, den 1610 Meter hohen Vulkan Concepción zu besteigen.

Auf dem Krater angekommenZusammen mit unserem Reiseguide Walther steigen wir um 7 Uhr dem wolkenverhüllten Krater entgegen. Im Aufstieg bewundern wir Farben und Formen der tropischen Pflanzenwelt und werden stets von lautem Affengebrüll begleitet. So gelingt es uns, einige Fotos von „congos“ und „caras blancas“ zu schiessen. Bei heftigem Wind und dichtem Nebel erreichen wir nach fünf Stunden den höchsten Punkt – für einmal nicht einen Berggipfel, sondern einen Vulkankrater. Im Abstieg zeigt sich dann, dass Amerikaner mehr Städter als Berggänger sind und so brauchen wir nochmals knapp sieben Stunden. Zurück in dem Hostal erzählen die beiden umso mehr von ihren Heldentaten…:)

AVon einem Congo beobachtet...  uf der Rückreise nach San Salvador verbringe ich eine Nacht in Managua. Da das Viertel bei der Busstation bekannt ist für Raubüberfälle auf Touristen und Einheimische, lädt mich ein Taxi bei einem Hostal ab und holt mich um 4 Uhr früh anderntags wieder ab. Am Abend vor meiner Abreise wollte ich noch eine Flasche des bekannten Ruhms „flores de caña“ kaufen, doch der Hostaleigentümer wollte mich um sechs Uhr Abends nicht mehr alleine auf die Strasse lassen. So fuhr er mich auf seinem Moto durch das Viertel zu einer nahegelegenen Verkaufsstelle. 

Während der einwöchigen Reise durfte ich bereits viel über die zentralamerikanische Geschichte, Kultur und Mentaliät erfahren. Jetzt freue ich mich auf die ersten Arbeitstage bei der GTZ und hoffe, aus einer anderen Perspektive weiterhin viele interessante Einblicke zu erhalten!

 

Vielseitige Projektarbeit

23.Aug.2006

El MiradorSeit über 30 Jahren berät die GTZ die Regierung in El Salvador im Bereich der Wirtschafts- und Jugendförderung. In einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung weniger als 21 jährig ist, hat in den letzten Jahren vor allem der zweite Aspekt an politischer Bedeutung gewonnen. Der überdurchschnittliche Bevölkerungsanteil der Jugendlichen stellt einerseits eine grosse Chance für die Entwicklung El Salvadors dar, birgt jedoch ebenso ein enormes Gefahrenpotenzial. So haben sich seit den 80er Jahre Jugendbanden gebildet (maras), welche sich untereinander bekämpfen. Eine Folge davon: das Land weist die höchste Mordrate pro Kopf in Lateinamerika auf.

Die GTZ hat verschiedene Projekte in der Jugendbeschäftigungsförderung lanciert, um den Jugendlichen den Eintritt in die Berufswelt zu erleichtern und damit die Grundlage für eine eigene Existenzsicherung zu schaffen. 

ArbeitsplanMeine Arbeit während den nächsten beiden Monaten besteht darin, die Erfahrungen der GTZ in El Salvador zu analysieren und diese als „good practice“ zu dokumentieren. Es handelt sich dabei nicht um eine Systematisierung der einzelnen Projekte, sondern vielmehr um die Schaffung eines Produktkatalogs, welchen ich anhand von Evaluierungen und Beobachtungen erarbeite und der für die Entwicklungszusammenarbeit relevant sein soll. Eine Reise nach Honduras, wo ich ebenfalls ein Programm zur Jugendbeschäftigungsförderung kennenlernen werde, und die Teilnahme an Jungendaktivitäten vervollständigen meine Arbeit.

Zusammen mit meiner Verantwortlichen, Frau Anja Nina Kramer, erstellte ich einen Arbeitsplan, an  welchem ich mich während den nächsten knapp drei Monate orientieren kann. Die vergangenen zwei Wochen dienten der Einführung in das breite Themenfeld der Jugendförderung. Mittels Projektdokumentationen und Hintergrundinformationen über die aktuelle Situation der Jugendlichen einerseits, und Teilnahme an Sitzungen und Konferenzen andererseits, erhielt ich die nötigen Inputs, sodass ich nun mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann.

JugendcampsUm stets die praktische Seite der Jugendbeschäftigungsförderung nicht zu vernachlässigen, nehme ich regelmässig an Jugendcamps und anderweitigen Programmen mit Jugendlichen teil. So verbrachte ich das letzte Wochenende zusammen mit 70 Jugendlichen in einem Militärgelände in Sonsonate. Den 13 bis 18 Jährigen wurde auf spielerische Art mitgeteilt, welche Fähigkeiten für eine Unternehmungsgründung notwendig sind. Geschlafen wurde in Zelten, und bei Nichteinhalten der Nachtruhe einige sportliche Zusatzübungen unter der Leitung der Soldaten eingelegt…

Meine bisherige Zeit bei der GTZ habe ich als sehr intensiv und lehrreich empfunden. Zum einen lerne ich viel Neues im Bereich der verschiedenen methodologischen Ansätze in der Projektplanung, Durchführung und Evaluierung, zum andern öffnet mir die Arbeit à place die Augen, wie gross der Spagat zwischen Theorie und Praxis in der Entwicklungszusammarbeit ist. Doch dazu mehr in meinem nächsten Bericht...

Jugendcamp in Chalatenango

12.Sep.2006

Seit 2003 unterstützt die GTZ aktive Jugendliche aus 11 Gemeinden im Aufbau eines Jugendnetzwerks. So lud sie letztes Wochenende zu einem dreitägigen Lager ein, um Erfahrungen auszutauschen und über weitere Schritte zur Stärkung der regionalen Jugendorganisation „Red Juvenil de los Nonualcos“ zu diskutieren.

Vor der Abreise wurde mir nahegelegt, warme Kleider mitzunehmen, da es im Nordenosten des Landes ziemlich kühl sein werde. Wenn die Salvadorianer/Innen von Kälte sprechen, denken sie an Temperaturen um 20 Grad. Trotzdem staunte ich nicht schlecht, als einige der 14-25 Jährigen mit Pullover und Mützen aus dem Bus stiegen, während ich in kurzen Hosen und Flip-Flops wartete.  

Nachdem jeder seine Matratze in den bunt bemalten cabañas ausgebreitet hat, startete das Lagerprogramm mit einer Willkommensparty. Dabei wurde mir einmal mehr vor Augen geführt, dass die Latinos/as ihre Hüfte schwingen wie sonst wohl niemand. Der Abend endete mit einem Paartanzwettbewerb zu Salsa und Reggaeton.

Da Tags darauf selbtst die Leiter nicht aus aufstehen mochten, wurde kurzerhand die morgendliche Aerobicstunde und anschliessendes Bad im Fluss verschoben.

In Workshops wurden den Jugendlichen vermittelt, was ein Jugendnetzwerk ist und welche Funktion es erfüllt. Jede Gemeinde präsentierte ihre Aktivitäten der vergangenen Jahren und informierten über Erfolge und Schwierigkeiten der einzelnen Projekte. Am Schluss erarbeitete jede Jugendgruppe einen Arbeitsplan mit Zielen, welche sie im laufenden Jahr noch erreichen möchten.

Animateure, ebenfalls Jugendlich aus dem regionalen Netzwerk,  sorgten dafür, dass neben den Lerneinheiten auch die Freizeit nicht zu kurz kam. Am zweiten Abend organisierten sie verschiedene Spiele zum Thema Wasser. Der starke Regen am Nachmittag verwandelte die die Teamkämpfe in Schlammschlachten – ganz zur Freude der Beteiligten.

Das Lagerleben bot eine ideale Gelegenheit, mich mit Gleichaltrigen auszutauschen. So erzählte ich ihnen gerne vom Leben in Europa. Besonders interessierten sich die Jugendliche für Fussball, Musik, Schnee und die verschiedenen Sprachen. Ebenfalls versuchte ich immer wieder von Neuem zu erklären, dass Schweden (Suecia) und Schweiz (Suiza)  zwei verschiedene Länder sind…

In diesem Sinne schicke ich viele Grüsse nach Europa…

 Gruppenfoto

Die zwei Gesichter El Salvadors

29.Sep.2006

Obwohl ich aus der Vorbereitungsphase her wusste, dass El Salvador ein grosses Gefälle zwischen Reichtum und Armut aufweist, werden mir jeden Tag von neuem die Dimensionen der sozialen, ökonomischen und kulturellen Unterschiede vor Augen geführt.

Kurz nach 6 Uhr reisst mich mein Wecker aus dem Schlaf. Duschen, frühstücken und los geht’s.

Der Wächter unseres Wohnviertels (ich teile eine WG mit drei Salvadorianerinnen) grüsst mich freundlich und ich wünsche ihm einen schönen Tag. Im Auto einer Arbeitskollegin der GTZ geht’s einmal quer durch die Stadt zum Büro. Vorbei an gut bewachten Häusern, ausgestattet mit modernen oder weniger modernen Sicherheitsanlagen. Die Ampel steht auf rot. Ein alter blinder Mann und seine Enkelin bitten um ein Almosen und bedanken sich mit einem ebenso fröhlichen wie traurigen Blick für die 25 cents.

Weiter geht die Fahrt, rechts am Strassenrand erkenne ich Überreste einer improvisierten Schlafstelle, links überholt uns ein fabrikneuer Land Rover Jeep.

In der GTZ-Geschäftsstelle angekommen, checke ich erstmals meine Mails und informiere mich kurz über News aus der Welt: in der Schweiz wurde eine Verschärfung des Asylgesetzes angenommen. Beim Lesen des Artikels geht mir das Schicksal jener 400 Salvadorianer durch den Kopf, welche heute auf illegale Weise in die USA zu gelangen versuchen. Morgen werden es wieder 400 sein…

Mittags esse ich in einem unscheinbaren salvadorianischen Restaurant: eine umfunktionierte Garage dient als Küche, wo vom Kleinkind bis zur Grossmutter alle mithelfen, ihren Gästen einen leckeren Teller mit Reis, Huhn, Gemüse, Dessert und Fruchtsaft zuzubereiten. Ein Strassenviertel weiter südlich werben McDonalds, KFC, Burger King und Pizza Hut für ihre Combos à 6 Dollars. Nach meinem Menu für knapp 2 Dollars kehre ich mit gefülltem Bauch zur Arbeit zurück.

Nachmittags bringt mich ein Chauffeur zu einer Besprechung ins Jugendsekretariat. In der Pause lockt der hauseigene Pool für eine Abkühlung. Die meisten der hier arbeitenden Jugendliche haben politisch aktive Eltern oder sind Kinder von Unternehmern. Ihre Zukunft ist gesichert.

Ganz im Gegenteil zum 14 jährigen Hausmädchen einer Bekannten, welche ihre Grundausbildung abbrechen musste um für ein zusätzliches Einkommen der grossen Familie zu sorgen.

Um 6 Uhr Abends fahre ich in einem überfüllten Kleinbus nach Hause. Dabei verschlafe ich meine Haltestelle und lande in einem Quartier, wo mir immer abgeraten wurde hinzugehen, da es vor allem nach Einbruch der Dunkelheit sehr gefährlich sein soll. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch erkundige ich mich über die Busverbindung zurück nach Hause, worauf mir eine ältere Dame freundlich den Weg erklärt. (Als ich tags darauf einem Arbeitskollegen von meiner Irrfahrt erzähle, verzehrt dieser sein Gesicht und meint, er sei in seinem Leben noch nie per Bus durch jene Gegend gefahren).

Das letzte Stück bis zu meiner Haustüre gehe ich zu Fuss. Im Supermarkt kaufe ich Milch und Pasta zu Schweizer Preisen und frage mich, wie sich eine vierköpfige Familie bei einem Mindestmonatslohn von 150 Dollar über Wasser halten kann…

Erklärungsversuche dazu gibt’s ein anderes Mal…

 

Zweiwöchiger Aufenthalt in Honduras

20.Okt.2006

Zweck der Reise nach Honduras war, die dortigen Erfahrungen im Bereich der Jugendbeschäftigung zu sammeln und gleichzeitig einen möglichst vielseitigen Einblick in die Arbeitsweise der GTZ zu erhalten.

So lernte ich das Projekt UTIL (Unidad Técnica de Intermediación Laboral) kennen, welches als eine Art Stellenvermittlung zwischen Arbeitgebern und Stellensuchende verstanden werden kann. Das Prinzip ist einfach und zugleich effizient: Arbeitslose Jugendliche ab 18 Jahren und Erwachsene registrieren sich in einer Liste und schreiben einen Lebenslauf. Auf der anderen Seite informieren Unternehmer über freie Arbeitsplätze, welche vor allem im Textilsektor (maquilas) vorhanden sind. Stimmen Anforderungsprofil mit den Fähigkeiten und Erfahrungen der Arbeitssuchenden überein, vermittelt die UTIL ein Bewerbungsgespräch zwischen Kandidaten und Arbeitgebern, was in vielen Fällen zu einer Anstellung führt.

Als zusätzliche Leistung bietet die Arbeitsvermittlungsstelle Weiterbildungen in der Berufsorientierung an und fördert die Teilnehmenden bei der Ausarbeitung eines persönlichen Planes. Wie schwierig eine zukunftsorientierte Planung sein kann, zeigt das Beispiel der 20 Jährigen Martha. Die ledige zweifache Mutter hat die Primarstufe abgeschlossen und lebt zusammen mit ihren Eltern. Arbeitserfahrungen hat sie durch Gelegenheitsjobs in einer Verpackungsfabrik gesammelt. Bei den Lohnvorstellungen steht „según salario mínimo“, welcher bei rund 150 Dollar im Monat liegt.

Damit jede und jeder die Stellenbörse findet, wirbt die Industrie- und Handelskammer mit der praktischen Adresse „atrás del depósito de Pepsi“, was soviel wie „gegenüber der Pepsifabrik“ heisst.

Ein grosses Fest stand am 3. Oktober auf dem Programm. Der deutsche Botschafter lud rund 500 Gäste ins Hotel Marriott ein, um auf den Tag der Wiedervereinigung anzustossen. Da ich weder Hemd noch Schuhe im Koffer fand, schlüpfte ich kurzerhand in die Klamotten eines Freundes. Nach dem offiziellen Teil mit den Nationalhymnen aus Deutschland, Honduras und der Europäischen Union wurde das Abendbuffet eröffnet. Deutsche Spezialitäten wie Schweinsrücken, Würste und Kartoffelsalat füllten die leeren Mägen im Nu. Ebensowenig fehlte es an importiertem Franziskaner und Löwenbrau. Und spätestens als die zwei bayrischen Musikanten zum „Prosit der Gemütlichkeit“ anstimmten hielt es den deutschen Konsul nicht mehr am Tisch und machte die Tanzpiste unsicher…

Am Wochenende vor meiner Rückkehr machte ich mich auf den Weg nach Utila, einer kleinen Insel nördlich von Honduras. Ihr Ruf als eines der weltweit besten Tauchziele zieht jährlich tausende von Tauchexperten wie Tauchtouristen an. Als Letzterer war ich auch sofort von der der dortigen Unterwasserwelt begeistert und hätte am liebsten noch weitere Begegnungen mit Trompetenfischen, Piratenfischen, Barracudas und Wasserschildkröten gemacht. Die herrlichen Sonnenuntergänge rundeten die perfekten Tage ab. Wären da nur nicht diese nervigen Stechmücken gewesen…

Wer weiss, ob ich das nächste Mal im Bodensee auftauchen werde…

 

„Einmal USA einfach“

1.Nov.2006

Tolles Flugwetter herrscht bei meiner Rückreise. Aus dem kleinen Fenster erkenne ich die  Hügelzüge, Seen, und Städte Mexikos. Irgendwo dort unten sind tausende von Lateinamerikanern auf dem Weg in Richtung Norden. Die beiden freien Sitzplätze und das halbleere Flugzeug scheinen dabei gerade paradox.

400 Salvadorianer versuchen jeden Tag, ihr Leben in Arbeitslosigkeit, Gewalt und Armut ein für alle Mal zurückzulassen, in der Hoffnung, ein neues und besseres zu finden. Die meisten sind Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, welche sich aufgrund fehlender Perspektiven zu diesem Schritt entschliessen. Ein Freund von mir erklärte mir kürzlich, der Tag der Diplomübergabe der Universität werde zugleich ein Tag der Entscheidung bezüglich seiner Zukunft sein.

Schlepperbanden bieten auf Plakaten und Werbungen öffentlich ihre Dienste an, einige sogar mit Erfolgsgarantie. Der Eintritt ins „gelobte Land“ beträgt zwischen 3'000 und 8'000 Dollar, wobei unter 15 Jährige mehr bezahlen, da sie zusätzlichen Betreuung benötigen. Dieses Summe wird hauptsächlich als Schmiergeld an den Grenzen und für den Transport in Busen und Kleinwagen verwendet. Man spricht von 1 Million Dollar, welche die Schlepper, sogenannte coyotes, pro Tag umsetzen.

Doch der lange, teure und gefährliche Weg in die Hauptziele Florida, Texas oder Kalifornien entpuppt sich für viele zum Alptraum. Tagelang und ohne Nahrungsmittel müssen die Immigranten zusammengepfercht in einem Zimmer in der Wüste Mexikos ausharren bis sie die Grenze überschreiten können. Einmal auf amerikanischem Boden angekommen, beginnt für viele das lange Warten. Sie werden solange festgehalten, bis Familienangehörige die zweite Hälfte des Betrages überweisen. Dabei sind sie den coyotes wahllos ausgeliefert und in vielen Fällen kommt es zu sexuellen Übergriffen.

Für die meisten der Immigranten steht jedoch eine anderes Problem im Vordergrund. Vor kurzem genehmigte das Repräsentantenhaus die geplanten Massnahmen der US-Regierung gegen illegale Einwanderer. Eine rund 1’200km lange Mauer und 6'000 Soldaten sollen die 3’400km lange amerikanisch-mexikanischen Grenze kontrollieren und den Menschenstrom aus dem Süden unterbinden.

Ob der Mauerbau eine Lösung zur Eindämmung der Immigration darstellt, wird die Zukunft zeigen…

 

El Salvador – vorbei und doch noch immer präsent…

20.Nov.2006

Voller Vorfreude reiste ich Ende Juli mit einem Rucksack nach El Salvador. Zurück kam ich mit einem zusätzlichen Koffer, denn zu schwer waren all die Erinnerungen: Woraus besteht das angesammelte Übergewicht?

Etwa 4 Kilo sind Dokumente und Unterlagen aus meiner Projektzeit bei der GTZ. Mit dabei auch meine Abschlussarbeit, einen Produktekatalog, welcher die Erfahrungen der GTZ El Salvador und Honduras im Bereich der Jugendbeschäftigungsförderung enthält und für die GTZ und deren counterparts in anderen Ländern dienen soll.

Der Einblick in die Entwicklungszusammenarbeit bot für mich eine einmalige Gelegenheit, das gesammelte theoretische Wissen von der Uni mit der Praxis zu vergleichen. Mir wurde bewusst, wie gross der Spagat zwischen Theorie und Realität sein kann. Ich musste am Schluss einsehen, dass die Arbeit von professionellen Kooperationen wie die GTZ angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Norden und Süden oftmals nicht mehr als einen „Tropfen auf den heissen Stein“ bedeutet. Umso bemerkenswerter daher, mit welcher Energie und Zuversicht die Mitarbeiter ihre tägliche Arbeit verrichten.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meiner Projektverantwortlichen der GTZ, Frau Anja Kramer, für die tollen Stunden während und ausserhalb der Arbeitszeiten bedanken.

Mein Koffer enthält ausserdem ca. 5 Kilo an Andenken und Souvenirs für meine Familie und Freunde. Fotos, Schmuck, lateinamerikanische Musik, bunte indigene Kleider, Rhumflaschen und Cigarren zeugen von den vielfältigen und spannenden Kulturen Zentralamerikas.

Ganz wichtig ist mein kleiner Notizblock. Hier sind Adressen und Telefonnummern von neu gewonnen Freunden gespeichert. Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft von den Einheimischen spürte ich ab dem ersten Tag und liess mich bis zu meiner Rückkehr nicht mehr los. Glücklicherweise habe ich nur gute Erfahrungen im Umgang mit Leuten gemacht. Hoffentlich werde ich mit meinen Mitbewohnerinnen, Arbeitskollegen und anderen Freunden weiterhin intensiven Kontakt pflegen können.

Ach ja, etwas konnte ich doch in El Salvador zurücklassen. Dadurch dass ich die meiste Zeit mit Einheimischen verbracht habe, sprach ich nonstop spanisch. Auf mein Deutsch-Spanisch-Taschenwörterbuch werde ich daher in Zukunft nicht mehr zurückgreifen müssen.

Doch es sind nicht die Dokumente, Fotos oder Rhumflaschen, welche für das Übergewicht meines Koffers verantwortlich sind. Vielmehr sind es die 10'000 Momente à 1 Gramm, welche meinen Koffer fast zu platzen bringen. Es sind die kurzen Augenblicke, tägliche Begegnugnen, aufwühlende Geschichten und strahlende Gesichter der Jugendlichen, welche ich aus den zentralamerikanischen Ländern nach Hause genommen habe. Sie erinnern mich an drei wunderschöne Monate, welche ich in einer anderen Kultur verbracht habe.

Es ist mir daher ein grosses Anliegen, mich beim asa-programm und beim translake-Team um Wolfgang Himmel und Silke Böttcher für die Unterstützung herzlich zu bedanken. Sie ermöglichten mir diese einmalige Erfahrung, von der ich noch lange zehren werde.

In diesem Sinne ziehe ich dem „adiós“ bewusst das „hasta luego“ vor, denn es soll sich nicht um einen definitiven Abschied handeln, sondern vielmehr auf ein Wiedersehen abziehlen...

Martin Keller

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